Wie versprochen hier der neueste Stand unserer verrückten Geschichte, die bei der Heimatkarawane DIGITAL gesponnen wurde.

Wer heute oder am Donnerstag dabei sein will, ist herzlich willkommen:

Dienstag, 21.04.:
Anmeldung:
https://forms.office.com/Pages/ResponsePage.aspx…

Link zur Konferenz (auch ohne vorherige Anmeldung):
https://zoom.us/j/91819844027

Donnerstag, 23.04.:
Anmeldung:
https://forms.office.com/Pages/ResponsePage.aspx…

Link zur Konferenz (auch ohne vorherige Anmeldung):
https://zoom.us/j/96605120683

16.4.2020, Drei Federn

„Ich bin nun schon sehr alt“, sagt die weise Eule. „Vielleicht muss ich nun bald sterben. Aber es ist nicht gut, wenn ich alle Geheimnisse mit ins Grab nehme, die für die Angelegenheiten der Welt wichtig sind. Ich muss die wundersame Geschichte der drei magischen Rabenfedern jemandem erzählen, der an meine Stelle tritt. Aber wer könnte das sein?“
Die alte weise Eule sitzt wieder einmal vor ihrem hohlen Baumloch auf dem Ast und spricht mit sich selbst. „Ach, ich kann mich nicht entscheiden!“ Sie plustert sich ein wenig auf und atmet mit einem ein leisen „schuhu!“ aus. „Mein Leben lang war ich eine gute Anwältin für alle Tiere im Wald. Aber keines davon ist so weise, dass es ein Geheimnis bewahren kann. Huch- wer kommt denn da? Und was macht der da?“

Ein Wilderer stapft durch den Wald, dass die Äste knacken. Er bückt er sich, hebt etwas auf. Eine Rabenfeder? Die Eule sieht scharf nach unten, aber sie kann nicht erkennen, was er in die Westentasche steckt. Ihre Augen sind zu schwach geworden. Und wieder plustert sie ein bisschen. 

„Es ist nämlich so“, sagt sie weiter laut zu sich selbst, „findet man eine erste verzauberte Rabenfeder, so versteht man alle Sprachen von allen Wesen der Welt: von Tieren, Pflanzen und Menschen, sogar von Steinen oder Luftgeistern oder was es sonst noch alles so gibt. Findet man eine zweite verzauberte Rabenfeder, so kann man alle Pflanzen wachsen lassen. Dann gibt es immer für alle zu essen! Aber Vorsicht! Auch fleischfressende Pflanzen können dabei sein, dann wird es gefährlich. Findet man schließlich die dritte verzauberte Rabenfeder, dann kann man Gedanken lesen und weiß stets, was jemand anders will. Mit diesen drei Federn hat man die Macht über alles. Aber wer nur kann dieses Geheimnis für sich behalten?“.

Der Wilderer hebt den Kopf und schaut die Eule durchdringend an. „Was glotzt Du so?“ schnauzt ihn die Eule an. Da zieht er den Kopf tief in den Kragen und läuft schnell weiter. Dabei dreht er sich immer wieder zur Eule um und stolpert schnell davon. „Schuhu!“, ruft sie ihm verärgert nach. „Dich kann ich sowieso nicht leiden! Irgendwann kriegen wir Dich vors Waldgericht und dann wirst Du verknackt!“, aber da ist der Wilderer schon verschwunden. Es ist ein schöner sonniger Nachmittag. 

Auf der anderen Seite des Waldes gackert ein Huhn. Es kann seine Tante Berta nicht finden. Ihr kleines, verwunschenes rotes Haus mit der automatischen Tür ist leer. Wo ist sie nur? Das Huhn entscheidet, Oma Hildegard zu besuchen. Es macht sich auf den Weg, aber der Weg ist lang.

Dass Tante Berta in Wirklichkeit eine Zauberin ist, weiß niemand im Wald. Sie möchte so gerne eine berühmte Opernsängerin sein und wenigstens einmal während des großen Konzertes auf dem Versammlungsplatz singen. Aber alle lachen sie aus. „Ein Huhn als Sängerin gibt es nicht“, sagen sie. Aber da haben sie sich geirrt! Denn Tante Berta nimmt sie schon seit einer Weile heimlich bei Madame Nachtigall Gesangsunterricht. Dafür muss sie auf den großen Versammlungsplatz fliegen, der hinter dem Felsenberg mitten im Wald liegt, gleich dort, wo die Eule wohnt. Tagsüber ist es ein einfacher Grillplatz, aber nachts dient dieser Ort den wichtigen Angelegenheiten der Tiere.

Madame Nachtigalls Unterricht findet direkt daneben auf einem großen Baum statt. Sie ist sehr pingelig und jähzornig. Um pünktlich zu sein und vor allem unerkannt zu bleiben verwandelt sich Tante Berta jeden Nachmittag in einen Raben. Dieser Zauber wirkt bis zum nächtlichen zwölften Glockenschlag, dann verwandelt sie sich wieder zurück in ein Huhn. Dabei verliert sie immer einige magische Rabenfedern, von deren Zauberkraft wir ja schon gehört haben.

Tante Berta plant einen sehr großen Auftritt. Vor jeder Gesangsprobe beschäftigt sie sich mit der Bühnenbeleuchtung: sie entfacht ein großes Feuer mitten auf dem Versammlungsplatz. Dafür benutzt sie einen Feuerstein, den sie bei der Katze im Kiosk am Felsenberg gestohlen hat. Die Katze kann sie nicht leiden. „So eine Angeberin! Sie behauptet, dass sie zaubern kann, nur weil sie früher bei einer Hexe gewohnt hat! Lächerlich! Dabei redet sie nur gerne über andere, ist schnell beleidigt und völlig unzufrieden! Nur weil ihr eigenes Leben leer ist, tratscht sie so viel!“ hörte das Huhn seine Tante Berta einmal schimpfen, als sie sich am Kiosk der Katze ein Eis kaufen wollte. 

An diesem schönen Nachmittag also, gerade als das Huhn seine Tante zu suchen beginnt, hat Berta sich in den Raben verwandelt, um pünktlich bei Madame Nachtigall zu sein. Das Huhn läuft also los, um sie zu suchen. Es glaubt ja, sie würde sie sicher bei Oma Hildegard finden. Von weitem hört sie einen merkwürdigen gekrächzten Singsang, der sich viermal wiederholt: „kraah kraah krákrá!“. Dem Huhn wird es unheimlich. Es kommt zu einem kleinen Haus mit einem runden Loch oben als Eingangstür. Komisch, dieses Haus hat das Huhn vorher noch nie bemerkt. „Ich glaube, ich habe mich verlaufen“, denkt das Huhn. Kein Wunder, denn auch das gehört zu Tante Bertas Zauberei.

Der Singsang, den das Huhn gehört hat, ist ein Zauberspruch, der bewirkt, dass sich Tante Bertas kleines, rotes verwunschenes Haus verdoppelt. Es erscheint dann, je nachdem aus welcher Richtung man darauf zukommt, anders. Kommt an von Westen, erscheint es als das kleine rote Häuschen. Kommt man aber von Osten, so erscheint es als das dunkle Rabenhaus mit dem Loch als Eingangstüre. Der Zauber bewirkt, dass jemand, der Tante Berta sucht, ohne es zu bemerken im Kreis geführt wird, sodass er einmal von Westen und einmal von Osten auf den Hauseingang trifft.   

Armes Hühnchen! Und doch fasst es Mut und klingelt. Ein Rabe sieht heraus. Das Huhn erkennt Tante Berta nicht. Tante Berta kann die Furcht ihrer Nichte kaum ertragen. So gerne würde sie auch ihre Wünsche und Träume als Opernsängerin mit jemandem teilen! Sie beschließt also, ihrer Nichte ihr Geheimnis anzuvertrauen, allerdings nicht draußen, wo jemand sie hören könnte.   

Mit zitternder Stimme fragt das Hühnchen also den großen Raben, der in Wirklichkeit Tante Berta ist, nach dem Weg. Der Rabe zögert und weist es auf die Spitze des Felsenberges. „Wo ist das genau?“ fragt das Hühnchen mit klopfendem Herzen. Der Rabe gibt ihm darauf keine Antwort. Aber er lädt das Huhn in sein Haus für eine Tasse Tee ein. Aber das Hühnchen möchte nicht vom Weg abgebracht werden. Der Rabe ist ihm nicht geheuer. „Ich passe nicht durch Deine Tür. Aber ich habe Durst. Kannst Du mir nicht etwas herausbringen?“, sagt das Huhn. „Nein, Du musst schon in mein Haus kommen. Sonst helfe ich Dir nicht“, sagt der Rabe. „Wenn Du nicht hereinkommst, verzaubere ich Dich“. Das Huhn denkt nach. „Wenn Du mir den Weg nicht sagst, dann flattere ich um Dein Haus herum, bis dieses ganz leicht wird. Dann fliegt es weg! Willst du das?“  Jetzt klopft das Herz des Raben vor Furcht. Er schüttelt sich. 

„Sing mit mir ein Rabenlied“, sagt er, „dann helfe ich Dir“. „Und welches?“ fragt das Huhn. „Alle Vögel sind schon da- wo sie hingehören“ sagt der Rabe. Und er beginnt zu singen. Da rauscht und flattert es um das Huhn. Alle Vögel im Wald sind durch das Lied gerufen worden. Auch ein Hund kommt des Weges und setzt sich neben das Huhn. Er hat eine Tuba. „Wir sollten einen Chor bilden“, sagt der Hund zum Huhn. „Aber wir brauchen mindestens vier Stimmen. Lass uns gehen und noch mehr Stimmen suchen!“ 

Das Huhn kennt den Hund schon. Man kann ihm nicht recht trauen. Er ist ein Gauner und Trickbetrüger, der es mit dem „mein“ und „dein“ nicht immer so genau nimmt. Er stellt sich gerne dumm, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber bösartig ist er nicht. Manchmal verwechselt er auch die Wörter und Dinge einfach. Und im Augenblick freut sich das Huhn über seine Gesellschaft, denn noch immer gruselt es sich vor dem Raben.       

Der Rabe singt das Rabenlied weiter und -schwupps- sind das Huhn und der Hund am Fuße des Felsenberges. Die Vögel sind verschwunden. Am Fuße des Felsenberges treffen sie einen Esel. Neben ihm steht ein Karren mit einem Konzertflügel. „Ich bin ein arbeitsloser Konzertpianist“, sagt der Esel. „Hallo Hund. Hast Du fleißig die Tuba geübt? Um meine Existenz zu sichern, gebe ich nämlich dem Hund Tuba-Unterricht!“. Das Huhn sagt: „ich habe Durst“. „Schade“, sagt der Esel. „Dort drüben in der Wirtschaft, die jetzt geschlossen ist, habe ich mal gearbeitet. Auch haben wir da geprobt für unser großes, jährliches Konzert auf dem Grillplatz. Aber leider ist die Wirtschaft ja jetzt geschlossen“. „Aber warum?“ fragt das Huhn. „Ach, über dem Gastraum war ein großer Swimmingpool. Bei einer Party mit zu vielen Gästen schwappte das Wasser über den Rand. Es gab einen großen Wasserschaden und schließlich stürzte die Decke ein. Und dann kam noch das Corona-Virus.

„Ich habe von dem Grillplatz gehört“, sagt das Huhn. „Dort ist ein großer Versammlungsplatz, wo die Tiere des Waldes regelmäßig zusammentreffen, um alles Wichtige zu besprechen“. „Lasst uns dorthin gehen“, sagt der Hund. „Auf dem Weg ist ein Kiosk, dort gibt es sicher etwas zu trinken“. „Den Kiosk kenne ich“, sagt das Huhn. „Da bin ich oft, da gehen wir hin!“. „Dort stoßen wir an“, freut sich der Esel, der gerne einen über den Durst trinkt. Und die drei machen sich auf den Weg zum Grillplatz, den Felsenberg hinauf und wieder hinunter. Auf dem Weg erzählen sie sich wilde Geschichten. Tatsächlich kommen sie nahe der Bergspitze zu einem kleinen, leider auch geschlossenen Kiosk. Davor sitzt die Katze und maunzt jämmerlich.

„Warum heulst Du?“, fragt der Esel. „Ich kann meinen Feuerstein nicht finden“, jammert die Katze. „Er hat eine besondere Fähigkeit. Er glitzert im Dunkeln! Wenn nur der Rabe ihn nicht findet und ihn stibitzt!“. Die Katze starrt das Huhn an. „Oder hast Du meinen Feuerstein geklaut? Dabei war ich immer nett zu dir! Immer konntest Du bei mir anschreiben, wenn Du kein Geld hattest. Ist der Dank dafür?“. „Aber ich war es nicht. Vielleicht war es der Hund“, sagt das Huhn. „Hund!“ sagt die Katze, „ich habe dir schon immer misstraut! Hunde und Katzen haben sich noch nie gemocht! Gib den Stein her!“. „Ich war es nicht, ich schwöre es bei meinem Klavier!“, sagt der Hund. „Aber das Klavier gehört doch mir!“, sagt der Esel. „Dann muss es der Esel gewesen sein!“ sagt das Huhn. „Das glaube ich nicht. Der Esel war immer hilfsbereit und trug mich oft durchs Land“, sagt die Katze. „Ich will einen Anwalt“, sagte der Esel. „Dann müssen wir zur Eule“, sagte die Katze „und auf die Nacht warten. Sie wohnt am Grillplatz, wo das Konzert stattfinden sollte“. Und so trabt die Gesellschaft betrübt zum Grillplatz. 

Von weitem sehen sie, dass dort ein warmes Feuer brennt. Auf dem Grillplatz angekommen, treffen sie die Eule. „Ich brauche eine Anwältin“, sagt der Esel. „Ich werde beschuldigt, den Feuerstein geklaut zu haben.“ „Ach je“, sagt die Eule. „Hast Du etwa Erinnerungslücken, weil du wieder zu viel getrunken hast?“. Der Esel und die Eule versuchen gemeinsam zu rekonstruieren, ob der Esel etwas mit dem verschwundenen Feuerstein zu tun haben könnte. Die weise Eule findet heraus, dass der Rabe den Feuerstein geklaut haben könnte. Also muss das Waldgericht einberufen werden.
Der Richter des Waldes ist der Dachs. Er spricht mit allen Tieren. Und sagt: „Es ist so, dass das Feuer schon brannte, bevor ihr hierhergekommen seid.“. Er schlussfolgert: „Wenn keiner von euch hier das Feuer angezündet hat, dann muss jemand anders den Feuerstein haben“. „Ooh“, sagten die Tiere, „ja, das stimmt! Wir sind alle zusammen hergekommen, wir können es nicht gewesen sein“. „Und“, sagt der Dachs, „es muss bereits vorher angezündet worden sein, denn es sind bereits schwarze Kohlen im Feuer!“. Der Dachs ruft den Habicht. Er ist der Polizist des Waldes und soll nun den Fall aufklären. Der Habicht ist sehr schlau und hat einen scharfen Blick. Er beobachtet, was im Wald geschieht, aus großer Höhe. „Heute mittag habe ich den Raben gesehen, wie er ein Feuer macht.“, sagt der Habicht. Da sagt der Dachs: „Holt den Raben“! Und der Habicht erhebt sich wieder in die Lüfte, um weitere Spuren zu suchen. 

Der Habicht findet die Rabenfedern, die bei der Verwandlung von Tante Berta liegengeblieben sind. Deshalb glauben die Tiere, dass der Raben ermordet wurde. Die Tiere streiten vor dem Waldgericht solange, bis die Uhr zwölf schlägt. Tante Berta wird hektisch, weil die Zeit davonläuft.
Unter Verdacht geraten:

=> die Katze (weil Katzen Vögel fressen)
=> der Habicht (Korruption im Amt)
=> der Esel (wegen Trunkenheit. „Der Esel hat einen Kater“)
=> der Hund (weil er eine feine Nase hat).
=> die Nachtigall (der Habicht hat beobachtet, wie die Nachtigall sehr wütend wurde, als der Rabe (die verwandelte Tante Berta) beim Singen den richtigen Ton schon wieder nicht traf). 
=> die Wildsau (sie ist beleidigt, weil sie immer der Arsch ist)
=> der Wilderer, der die Tiere gegeneinander aufhetzt (gegenseitiges Anschwärzen)

Jedenfalls finden sie Tante Berta am nächsten morgen auf einem Ast eines Strauches, der auf dem Grillplatz wächst.