Heimatkarawane unter Covid-19: Wie klingt das Land jetzt?

März 2020. Die Welt steht still. Covid-19-Pandemie. Lockdown- was jetzt?

„Heimatkarawane- wie klingt das Land heute“ ist konzipiert, um gesellschaftliche Nähe zu erzeugen. Nun aber geht es um Abstandhalten. Um Maskentragen. Um Hygienevorschriften. Wir alle sind unsicher. Furcht macht sich breit. Fragen stehen im Raum: Keine Begegnungsabende, um miteinander vertraut zu werden- kein gemeinsames Theaterspiel: zu viel körperliche Nähe- kein gemeinsames Singen oder Musikzieren: zu viel Aerosole.

Wie, um alles in der Welt, sollten wir denn da unsere Karawansereien fortsetzen? Das waren doch genau die Bausteine, welche die Karawansereien in Hayingen, Zwiefalten, Riedlingen und Hülben so erfolgreich gemacht hatten. Das war unser Konzept! Es fehlten nun noch Emerkingen und Sigmaringendorf. Doch diese beiden letzten Veranstaltungen wurden von den Gemeinden aus Sicherheitsgründen verständlicherweise abgesagt. Was nun?

Da wir auf diese Frage keine Antwort wussten, verlagerten wir uns zunächst in die digitale Welt. Als hätten wir es vorausgesehen, war Zoom bereits in unser Projekt integriert. Wir hatten es mitgeplant, um über weitere Strecken gut kommunizieren zu können. Bisher hatten wir es wenig genutzt, doch plötzlich rückte Zoom ins Zentrum unserer Aktivitäten. Um uns gegenseitig zu entlasten, erfanden wir kurzerhand die Heimatkarawane-digital. Zweimal wöchentlich, immer dienstags und donnerstags, veranstalteten wir eine Zoom-Konferenz und luden alle bisher und zukünftig Beteiligten dazu ein. Darüber hinaus öffneten wir den Kreis bundesweit für Menschen, die nicht in den Karawanserei-Gemeinden der Schwäbischen Alb angehörten, aber dennoch interessiert waren an unserer Heimatkarawane-Idee.

In den ersten Sitzungen tauschten wir uns aus. Es waren entlastende, freudige Wiedersehen, viele neue „Hallo! Wer bist du denn?“-Momente, die, wenn auch nur auf dem Bildschirm, trotzdem eine Art soziale Wärme und Vertrautheit herstellten. Die Heimatkarawane-digital in Zoom war damit auch eine Heimat geworden, in welcher die Willkommenskultur sich ausdrückte. Die Regelmäßigkeit der Sitzungen gab uns wenigstens den Anschein an Sicherheit, uns nicht aus den Augen zu verlieren. Durch die Zuschaltung Interessierter aus anderen Bundesländern stieg auch die Spannung für alle. Wer würde diesmal dabei sein und auch dabeibleiben? Wer sind unsere Teilnehmenden, wo kommen sie her, was tun sie gerade, wie geht es ihnen? Nach und nach gingen unsere anfänglichen Plaudereien über in den gemeinsamen Wunsch, künstlerisch zu agieren. Wenn schon nicht live-analog, dann wenigstens live-digital. Und so begannen wir zu experimentieren. War es möglich, auch in Zoom ein Musiktheaterstück zu schreiben und zu inszenieren?

Niemand von uns kannte sich mit dem sprachlastigen Konferenztool Zoom richtig aus.  Doch das änderte sich schnell. Wir begannen mit virtuellen Hintergründen zu spielen, erforschten die Greenscreentechnik und stellten etwas frustriert fest, dass man auf keine Weise irgendwie chorisch agieren konnte. Aus Langeweile erfanden wir dann eine Ein-Satz-Geschichte, denn wenn immer nur einer sprach, funktionierte Zoom gut. Und aus dieser kleinen Geschichte, entstand dann „Die Sache mit Tante Berta- eine Waldgeschichte“ mit unterschiedlichen Rollen und musikalischen Solo-Einsätzen, gefasst in einem richtigen Textbuch.

Dann ging der Spaß los. Es wurde intensiv geprobt und dabei stets diskutiert, ob das Ergebnis am Schluss eine digitale Live-Aufführung oder ein Film sein würde, denn alle Sitzungen waren mitgeschnitten worden. Wir wollten, angesichts der ernsten Corona-Situation, dem Spaß vor dem Produktionsdruck den Vorrang geben. Daher entschieden wir uns dafür, aus den Aufnahmen einen Film in vier Folgen zu schneiden. Aus den vielen Improvisationen gab es weitere kleine Kurzfilme, die im Weitesten Sinne teils etwas mit der Geschichte, teils mit unserer Lebenssituation zu tun hatten.

Man könnte meinen, mit der Wiederaufnahme der Live Veranstaltungen in Sigmaringendorf und Emerkingen sei die Heimatkarawane Digital damit zum Abschluss gekommen. Weit gefehlt. Wir haben Zoom als Erweiterung unserer Aktivitäten erkannt und kommen gerne dem Wunsch nach, zweimal wöchentlich einfach weiterzumachen.  Darüber hinaus wird es ein maßgebliches Tool sein, um gemeinsam an einem Modell einer möglichen Heimatkarawane 2.0 zu arbeiten, das in Zukunft umgesetzt sein möchte. Die Heimatkarawane, digital oder analog, ist ein Modellprojekt für uns alle, welches wir nachhaltig ausbauen und weiterverfolgen wollen, sodass immer mehr Menschen daran teilhaben können. Die Brücke, nicht den Ersatz, bis zur nächsten Analog-Karawanserei bildet die digitale Welt, an der wir auf wundersame Weise sehr viel Spaß und Interesse gefunden haben und in der wir uns sicher und gleichmäßig gemeinsam weiterentwickeln können. 

Babette Ulmer, Künstlerische Leitung, Theater

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