Zwischentöne ohne erste Geige

Von Bernhard König

Wir wussten nicht, was entstehen würde. Interkulturelles Dorfmusiktheater? Neue schwäbisch-arabische Volkslieder? Blasmusik mit Jonglage? Aber wir wussten, worauf wir bauen konnten: Auf ein wunderbares Team, das nach mehreren Jahren interreligiös-musikalischer Dialogarbeit über ein vielfältiges künstlerisches, pädagogisches, interkulturelles und musikvermittlerisches Handwerkszeug verfügte. Und auf eine Zusammenarbeit zwischen Trimum und den Stage Divers(e), die sich bereits bei Fugato, einem großen Kooperationsprojekt mit Geflüchteten und der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, bewährt hatte.

So freuten wir uns auf sechs abenteuerliche interkulturelle Wochenenden, von denen wir vorab nur so viel wussten: Es sollte nicht um unsere eigenen Ideen und Ausdrucksformen gehen, sondern um das, was wir vor Ort vorfinden würden. Und damit wurden wir wahrlich reich beschenkt – zu reich, um es hier vollständig aufzuzählen. Urschwäbisches traf auf „naigschmeckte“ Klänge und Melodien von Berlin bis Aleppo; manche Situationen mit singender Säge, selbst gedichtetem Backhausblues oder einer Tänzerin mit Downsyndrom waren so zauberhaft, dass man sie sich vorab nie hätte ausmalen können; zahlreiche neue musikalische Formen und Heimatlieder entstanden, in denen sich eine regionale Identität ausdrückte, für die ortstypische Tradition und kulturelle Diversität kein Widerspruch ist.

Keine Frage: Der musikalische Brückenschlag zwischen denen, die da waren, gelang an allen sechs Stationen mühelos. Doch ein wichtiger Brückenpfeiler fehlte. Es war mir im Vorfeld in keinem der beteiligten Orte gelungen, Mitglieder oder Multiplikator*innen eines örtlichen Chores oder Musikvereins für eine aktive Mitwirkung zu gewinnen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Anfangs versäumte ich es, mich früh genug um sondierende Vorgespräche und Terminabstimmungen mit den Chorleiter*innen und Vereinsvorständen zu kümmern. Später kam uns die Corona-Pandemie in die Quere und verhinderte, dass eigenes Dazulernen sich in reales Bessermachen umsetzen ließ.

So kam es, dass unserer musikalischen Antwort auf die titelgebende Frage („Wie klingt das Land heute?“) eine ganz entscheidende Klangfarbe fehlte: Die beeindruckend vitale und engagierte Musikkultur der Alteingesessenen. Bedauerlich für mich selbst, weil ich gerne mehr über die örtlichen Traditionen gelernt hätte. Bedauerlich aber auch deswegen, weil den Chören und Musikvereinen nun möglicherweise die eine oder andere Anregung entgangen ist. Aber vielleicht hat sich durch die Konzentration auf jene, die nicht „immer schon hier waren“, ja auch eine unbeabsichtigte Chance eröffnet. Um in einer Orchesterprobe auch die Bratschen und zweiten Geigen in ihrer ganzen Schönheit und Verletzlichkeit wahrnehmen zu können, muss man manchmal die allzu vertraute Hauptstimme weglassen. Spielt man danach wieder im Tutti, sind die Töne noch immer die gleichen. Doch in der Wahrnehmung derer, die dabei waren, hat sich etwas verändert. Deshalb freuen wir uns auf ein Da capo – und hoffen darauf, dass sich die bereits erlebte Vielstimmigkeit dann mit dem Cantus Firmus der angestammten örtlichen Musikkultur vereinen wird.

Präsentation in Hayingen
Singen in Hülben
Workshop in Zwiefalten