Hayingen 15.11. - 17.11.2019

Erfahrungsbericht

Vorbereitung:

Durch den Umgestaltungsprozess im Naturtheater Hayingen, der von der künstlerischen Leiterin Babette Ulmer seit Dezember 2018 dort begleitet wird, waren die örtlichen Strukturen bekannt. Für den neu entstandenen, von Silvie Marks und Johannes Schleker geleiteten Spielclub_inklusiv, in dessen Rahmen regelmäßig niederschwellige Theaterarbeit in Hayingen angeboten wird, war die Heimatkarawane ein guter Orientierungspunkt. Aus dieser Gruppe nahmen generationsübergreifend Menschen mit und ohne körperlich/seelischer Beeinträchtigung und/oder Migrationshintergrund teil. Auch Mitwirkende des Naturtheaters, darunter nicht nur Spieler*innen, sondern auch Akteur*innen von Kantine, Kartenabreißer*innen und Ehemalige nahmen die Möglichkeit zur gemeinsamen Kreativität wahr. Im Vorfeld war es, trotz Bemühungen, nicht gelungen, bisher unbeteiligte Menschen mit Fluchthintergrund zu einer „offiziellen Anmeldung“ zu bewegen. Im Verlauf des Wochenendes änderte sich dies jedoch schnell, nicht zuletzt dadurch, dass der arabische Sänger und Ud-Spieler Mazen Mohsen des musikalischen Teams persönlich auf die syrisch/afghanischen Communities zuging. Beginnend beim Eröffnungsabend, an welchem bereits eine Familie erst zaghaft, dann aber mit Freude teilhatte, kamen ab Samstag weitere Familien dazu und blieben bis zum Schluss aktiv mit dabei. Insgesamt reichte die Alterspanne der ca. 35 Beteiligten verschiedenster Nationalitäten somit von ca. 6 bis 78 Jahren. Ortsansässige Vereine wie die Narrenzunft oder Musikvereine konnten aufgrund ihrer eigenen vielen Termine leider nicht gewonnen werden. Dennoch zeigten sich unter den Mitwirkenden des Naturtheaters sowohl ein Posaunist als auch ein Schlagzeuger, außerdem brachten die „alteingesessenen“ beteiligten Akteur*innen ausreichend Kenntnisse über ortsbezogene Traditionen mit, sodass kein Mangel an gewachsener traditioneller „schwäbisch- Hayinger“ Kultur herrschte. Mit einem kleinen Team machte sich der musikalische Leiter Bernhard König am Samstagvormittag kurzfristig auf, um im Ort selbst noch mit Hayingern zu sprechen. Hierbei gewann das Team noch interessante Eindrücke durch die Erzählungen Einzelner, welche dann mit in die Gesamtveranstaltung einflossen. Bernhard König hatte im Vorfeld auch einen Hayinger Kanon mit folgender Textzeile komponiert: „Wenn wir heut in Hayingen mit vielen Stimmen Lieder singen, dann wird es uns gelingen, Heimat neu zum Klingen (zu) bringen“. Das von Bürgermeister Kevin Dorner gewünschte Thema „Aufbruch“ sollte sich erst in der Hayinger Karawanserei in seine Form fügen.

Die Hayinger Karawanserei fand in der Digelfeldhalle und der direkt daran angrenzenden Schule statt. Das Projektteam übernachtete von Freitag bis Sonntag im Bildungshaus Kloster Obermarchtal.

Der Begegnungsabend am 15.11.2019, 17.00-22.00Uhr

Der Begegnungsabend begann mit einer sehr informellen und kurzen Rede von Bürgermeister Kevin Dorner. Im Vorfeld hatte sich keiner der Akteur*innen zu einer eigenen Darbietung für den Abend angemeldet. Dies bedeutete, dass wir unser Projekt „Heimatkarawane- wie klingt das Land heute?“ sehr frei mit einer Reihe an musik- und theaterpädagogischen Spielen für alle begannen. Wir flochten spontan auch traditionelle Kreistänze mit ein. Zwischen den vorbereiteten Spielen stellten sich das musikalische Team und das Theaterteam mit kleinen eigenen Kostproben vor, sodass die Bandbreite an Möglichkeiten für die Teilnehmer*innen deutlich wurde. Gemeinsam wurde gemeinsam das hebräische Lied „Kholam Khulo“ erlernt, dass fortan durch alle Karawansereien führen sollte: „Die Welt ist wie eine schmale Brücke. Hauptsache, Du hast keine Angst davor, die zu beschreiten!“ Beim gemeinsamen, sehr reichhaltigen Buffet wurde viel gelacht und erzählt, sodass der gesamte, sehr kurzweilige Abend von allen mit großer Freude genossen wurde. Im Verlauf des Abends konnte auf sehr familiäre Weise die Inhalte und Ziele des Projektes „Heimatkarawane“ kommunizieren. Die persönliche, spielerische und freundliche Atmosphäre ermutigte die Teilnehmenden dann, zum nächsten Tag ihre Instrumente, Lieder, Gedichte und Geschichten mitzubringen, damit alles gemeinsam für die Hayinger Heimat-Karawanserei aufbereitet werden sollte. Die Aufgabe des Begegnungsabends: gegenseitige Vertrauensbildung sein wurde ganz und gar erfüllt. Die Kulturwissenschaftlerin Beate Kegler, die im Rahmen einer Studie das Projekt durchgehend begleitet, fügte sich teilnehmend beobachtend in alle Aktivitäten ein und stellte die für sie wichtigen Fragen an Beteiligte diskret und passend, sodass auch von dieser Seite her keine Befremdlichkeit aufkam. Der Erfolg dieses ausgelassenen Abends war an der regen Teilnahme an den folgenden Tagen abzulesen.            

Der erste Workshoptag (16.11.2019)
Der erste Workshoptag begann mit kleinen musikalischen und theatralen Warm-up-Spielen. Danach teilten sich die Teilnehmer*innen nach Interessenslagen auf. Manche bildeten einen Chor, andere konzentrierten sich auf Instrumente, ein dritter Teil begann mit Theaterimprovisationen. Die Übergänge innerhalb der Workshops waren fließend, sodass sowohl Bewegung und Tanz als auch unterschiedliche Zirkustechniken wie Akrobatik und Jonglage ihren Platz fanden. Danach dachten alle gemeinsam nach Methode der biographischen Liederwerkstatt von Bernhard König über die Lieder nach, welche sie am ehesten mit dem Begriff „Heimat“ in Verbindung brachten und welchen sie eine große individuelle Bedeutung zumaßen. Im Verlauf des sehr intensiven Gespräches wurden viele persönliche, schöne, lustige, aber auch tränenreiche und schmerzvolle Dinge erzählt. Drei wesentliche Geschichten, die dann auch bei der Abschlussperformance eine Rolle spielten, sollen hierfür beispielhaft sein. Eine junge nigerianische Frau beschrieb die Situation, wie sie sich klein und unbedeutend fühlte, weil die Männer ihrer Familie seit ihrer Kindheit ihr als Waisenkind nichts zutrauten und welche Bedeutung daher ein Popsong für sie hat, den sie zu dieser Gelegenheit unbedingt öffentlich singen möchte. Ein junger Mann berichtete über seine positiven Erfahrungen beim Christopher Street Day und wie diese, für ihn ganz neue Community ihn darin bestärkte, zu seinem Transgenderbewusstsein zu stehen und seine alte Identität als Mädchen abzulegen. Ein jesidisches junges Mädchen erzählte vom Angriff durch den IS, den Übergriffen an den Frauen, den Mord an ihrem kleinen Bruder und ihrer anschließenden Flucht. Sie berichtete unter Tränen, aber sehr erleichtert, wie glücklich und dankbar ihre Familie nun in Deutschland sei. Aber auch weniger Dramatisches kam zum Ausdruck: da war zum Beispiel die Rede von Liebe und Romantik oder das wichtige Gefühl von Gemeinschaft innerhalb des Hayinger Naturtheaters. Diese intensive Situation in gemeinsamer Runde prägte und stärkte die Identität der Hayinger Karawanserei. Nach dem Mittagessen widmete sich das musikalische Team zunächst in Kleinstworkshops den individuellen Geschichten, die in der Performance öffentlich erzählt werden wollten. Dies hatte eine beruhigende, aufarbeitende und bestärkende Wirkung auf die erzählenden Teilnehmer*innen, die sich danach den anderen gemeinsamen Workshops wieder anschlossen. Die Theaterinteressierten widmeten sich gemeinsamen Assoziationen zum Thema „Heimat“, bei welchem „Alt und Jung“ ebenso zum Ausdruck kam wie „fremd und eigen“, „Stadt und Land“ oder „Familie.“ Auf diese Weise entstanden drei kurze Szenen unter anderem mit folgenden Schlagworten: „Koi Zeit“, „warom I?“, „I han koi Luscht“, „nix los“, „des war scho immer so“, „doch!“. 

Viel Spaß hatten alle daran, das Hayinger Fasnetslied mit dem Ruf „Mäckmäck- mäckmäh“ einzustudieren. Zum Abend hin lösten sich Spannung und Konzentration etwas auf, sodass zu diesem Zeitpunkt zirzensische Bewegungsspiele in den Vordergrund traten. Von den Teilnehmer*innen mitgebrachte Lieder und Gedichte mussten auf den nächsten Tag warten, um noch inszeniert werden zu können. Der Tag endete mit einer großen Runde und einem ersten Entwurf eines möglichen Programmablaufes für die geplante Performance am kommenden Tag. Es wurde gemeinsam beschlossen, die entstandenen und entstehenden Programmteile ohne inhaltliche Verbindung in sinnvolle Reihe zu bringen, um gerade den Details der persönlichen Begegnung den Vorrang zu geben.

Der zweite Workshoptag mit Performance (17.11.2019)

Der Sonntag begann wieder mit kleinen gemeinsamen Warm-up-Spielen. Danach wurden erneut Kleingruppen gebildet, um bereits bestehendes Material für die Performance weiter zu bearbeiten. Neu hinzu kamen zwei gemeinsame Aktionen: zum einen wurde eine für Hayingen typische Geräuschkulisse inszeniert, um darzustellen, wie den Hayingen „klingt“. Heraus kam eine sehr natürliche Klangwelt mit Vogelgezwitscher und Waldgeräuschen, die vor allem mit dem im Tiefental liegenden Naturtheater assoziiert wurde und den Titel erhielt: „im schönen Hayingen mitten auf der Alb“.  Die Idee des „Aufbruchs“, die vormals für Bürgermeister Dorner für Hayingen so kennzeichnend war, schlug sich in einer kurzen gemeinsamen schwäbischen Dichtung nieder, die in ein ansonsten orientalisches Lied eingeflochten wurde. Des Weiteren wurden einzelne von den Teilnehmer*innen kurze selbstverfasste Lieder und Gedichte vertont und in den Programmablauf eingeflochten. Es entstand auch noch eine kleine Szene der Kinder mit Fluchthintergrund zum Thema „Freunde finden“ und welcher eine innige Bedankung folgte: „wir fühlen uns wohl in Deutschland und freuen uns, weil wir in Hayingen wohnen dürfen“.
Nach dem Mittagessen wurde der Saal für die um 17.00Uhr geplante Performance vorbereitet, die pünktlich mit einem Sektempfang begann und bis 18.30Uhr dauerte.

Die Performance (17.11.2019, 17.00-18.30Uhr)

Die Eröffnung erfolgte in mehreren Sprachen (deutsch, englisch, arabisch, hebräisch, spanisch). Bei der Gesamtinszenierung legten wir ein großes Augenmerk auf die Einbeziehung des Publikums vor allem beim gemeinsamen Singen von Liedern. Als identitätsstiftende Hilfestellung nutzten wir lediglich die Unterteilung in „schwäbisch“ und „nicht-schwäbisch“. Obgleich bei den einzelnen Nummern jede für sich stand, verblüffte uns selbst die große Anzahl und die Durchmischung der Akteur*innen und der Teams sowohl an den Instrumenten als auch im Rahmen der musikalischen/theatralen Aktivitäten. Posaune und Schlagzeug waren eingebettet in das musikalische Ensemble aus Ud, Djembe, Cajon, Gitarre und Klavier und begleiteten sowohl Sologesang oder auch Tanz als auch Chor in unterschiedlichsten Sprachen, Dialekten und musikalischen Traditionen. Die erzählten und gesungenen persönlichen Geschichten aus der biographischen Liederwerkstatt und die kleinen Theaterszenarios berührten die vielen Zuschauer*innen, darunter Bürgermeister Kevin Dorner und der Emerkinger Bürgermeister Paul Burger, ebenso wie die beteiligten Teilnehmer*innen. Die Diversität der Menschen und ihr Mut, sich selbst einzubringen und ihre Anliegen darzustellen kam in der inklusiven Hayinger Karawanserei besonders zum Ausdruck. Bis zum Schluss der Veranstaltung fühlten sich Mitwirkende des Naturtheaters, darunter Spieler*innen, Kartenabreisser*nnen und Kantinenfrauen gleichberechtigt neben Menschen mit physisch/psychischen Einschränkungen aus Maria Berg und der Bruderhaus-Diakonie oder Menschen, die sich in Deutschland erst seit kurzem aufhielten.

Bewertung und Maßnahmen

Im Rückblick können wir, was die Karawanserei in Hayingen angeht, alle zu Anfang gestellten Fragen mit einem „Ja“ beantworten. Die von uns gesteckten Ziele wurden erreicht. Dies bot gute Erfahrungswerte für die kommenden Karawansereien in Zwiefalten und Riedlingen, auch in der Erwartung dass Mitwirkende aus Hayingen sich dort erneut einfinden würden. An der Hayinger Karawanserei beteiligten sich aktiv ca. 35 Personen aus der ganzen Region. Die Zahl der Zuschauer*innen der Performance pendelte sich bei ca. 65 ein.