Meine zwei Heimaten - Von Down Under ins Ländle

Von Lisanne McDowell

Als ich im Juli 2019 nach zwölf Jahren in Australien in meine schwäbische Heimat zurückgekehrt bin und gespannt dem Projekt Heimatkarawane entgegenblickte, hatte ich – als gebürtige Stuttgarterin – noch wenig Vorstellung von der kulturellen Landschaft im ländlichen Raum Baden-Württembergs.

Von der Vielfalt der künstlerischen Aktivitäten der Bewohnerinnen und Bewohner der Schwäbischen Alb war ich begeistert, aber nicht überrascht. Auch in Australien war ich in einem Kulturbetrieb im ländlichen Raum aktiv und konnte mich immer an der Kreativität einzelner Amateurkünstler in der Bevölkerung erfreuen. Warum ist die Teilnahme an kulturellen Aktivitäten in ländlichen Gegenden prozentual so viel höher als bei Bewohnerinnen und Bewohnern im urbanen Raum? Und warum besteht trotzdem das fortwährende Vorurteil, dass man, um Kultur zu erleben, in die Stadt fahren muss? Diese Fragen haben mich in den vergangenen 18 Monaten begleitet. Ich glaube, dass Kultur in den verschiedenen Gegenden anders interpretiert wird. In der Stadt will man Kultur sehen, man geht ins Theater, in die Oper, ins Ballett oder ins Museum. Auf dem Land wird Kultur gemacht. Man spielt Theater, musiziert im Musikverein, singt im Kirchenchor und stellt seine Bilder und Skulpturen auf den regionalen Märkten aus. Um ein „Mitmach-Projekt“ wie die Heimatkarawane zu veranstalten, ist der ländliche Raum also prädestiniert.

In meinen beiden Heimaten gibt es also viele Gemeinsamkeiten in der kulturellen Aktivität, aber auch viele Unterschiede: Generell gibt es hier viel mehr aktive Amateurtheatergruppen, auch prozentual an der Bevölkerungsdichte gemessen. Ich glaube das liegt unter anderem an der Neugierde der Bewohnerinnen und Bewohner des ländlichen Raums auf das, was hier vor ihrer Haustür kreiert wird. Während die Theatergruppen in Australien meist nur vor einem ihnen bekannten Publikum spielen, geht man hier, wenn das örtliche Theater eine Vorstellung hat, hin. Dass man vielleicht die ein oder andere Spielerin im Ensemble persönlich kennt, ist dabei gar nicht der ausschlaggebende Faktor. Tradition spielt hier eine große Rolle. In Hayingen und Sigmaringendorf zählen die Freilichtbühnen schon seit geraumer Zeit zum Inventar der Gemeinden. Hier müssen sich diese Institutionen nicht erst etablieren, sondern werden von den stolzen Bewohnerinnen und Bewohnern alljährlich gefeiert. Die Australier setzen sich stattdessen auch mal zehn Stunden ins Auto, um zur nächsten Großstadt zu fahren, weil man dort ins „richtige“ Theater gehen kann. Oftmals wissen sie gar nicht von der Kreativität, die sich im Nachbarhaus abspielt, wo vielleicht gerade ein akrobatisches Theaterstück mit Musik entsteht.

Australien, wie wir es kennen, ist noch ein sehr junges Land. Der Begriff Heimat ist dort noch nicht so sehr an Traditionen gebunden, zumindest für die zugewanderte Bevölkerung. Und leider – auch wenn in den letzten Jahren viel dagegen unternommen wurde – wird die Kultur der australischen Ureinwohner in keiner Weise so anerkannt, wie sie es verdient hätte.

Ein weiterer, enormer Unterschied sind die Fördermöglichkeiten. Hier wird Kultur weiterhin von Bund und Ländern, ja sogar der Europäischen Union, oft großzügig unterstützt. In diesem Punkt sehe ich Deutschland als Vorreiter und hoffe, dass sich mit wachsenden Traditionen im heutigen Australien auch neue Fördermöglichkeiten auftun. Denn die Bevölkerung des ländlichen Raums Down Under hat es ebenso wie die hiesige verdient, ein so vielfältiges Projekt wie die Heimatkarawane mitzugestalten.

Fotos: Yanhadarrambal, Wiradyuri und Ngiyampaa Fotograf. Das Wiradjuri Land wurde mit der Erlaubnis der Aboriginal Elders fotografiert.

Wiradjuri Land
Wiradjuri Land