Sodele Habibi

Der wissenschaftliche Blick auf die Heimatkarawane

Wir können alles – nur kein hochdeutsch war einst der Slogan einer ebenso erfolgreichen wie selbstironischen Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg. Zum Projekt Heimatkarawane, ihren lebendigen Begegnungen im ländlichen Raum hätte der Satz ebenso gepasst. Ob schwäbisch, arabisch, kurdisch, hebräisch, türkisch, spanisch, persisch, afrikanisches Ewe, französisch, englisch oder Hochdeutsch, mit Händen und Füßen, summend, singend, klingend – das gemeinsame Kulturschaffen von Team und Mitwirkenden in den schwäbischen Dörfern und kleinen Orten gelang trotz oder gerade wegen des hohen Maßes an Vielfalt.

Als Kulturwissenschaftlerin mit dem Forschungsschwerpunkt „Kulturarbeit in ländlichen Räume“ hatte ich die Gelegenheit, dieses besondere Modellvorhaben evaluieren und wissenschaftlich begleiten zu können. Noch sind die zahlreichen Interviews und Beobachtungsprotokolle nicht alle abschließend ausgewertet, noch gilt es aus den Umfrageergebnissen Erkenntnisse zu ziehen und diese zu visualisieren. Die Ergebnisse werden darüber hinaus mit den Einschätzungen und zielführenden Fragen einer Expert*innenrunde verglichen, die das Projekt mit multiprofessioneller Fachkompetenz unter die Lupe nahm. Kurzum: es geht darum, auf Basis all dieser Informationen zu prüfen, ob und wie die Forschungsziele erreicht wurden, was Herausforderungen oder gar unüberwindbare Hürden waren, aber auch, was sich daraus lernen ließe für die Kulturarbeit und Entwicklung in ländlichen Räumen hier und anderswo.

Doch was waren überhaupt die konkreten Ziele in diesem Modellvorhaben, dessen Erreichung es nun wissenschaftlich zu evaluieren gälte? Ein Blick auf den Antrag mag hier hilfreich sein. Das Antragsdeutsch mal übersetzt, ließe sich kurz zusammenfassen: Das Projekt Heimatkarawane – Wie klingt das Land heute?  zielt darauf ab, mittels eines künstlerisch-kulturellen Bausteinprogramms Teilnehmende unterschiedlicher Herkünfte und „Heimaten“ mit „Einheimischen“ von sechs ländlichen Orten der Schwäbischen Alb zu gemeinsamen Kulturaktivitäten zusammenzuführen. Dabei sollten Einheimische und Zugezogene für inter- und transkulturelle Ansätze sensibilisiert sowie regionalentwicklungsfördernde Potenziale dorf- und spartenübergreifenden Miteinanders erfahren werden.

Es gilt also zu untersuchen,

  • ob mit den Mitteln der Kultur ein neues Miteinander vielfältiger Lebensgeschichten und Lebenswelten beflügelt werden kann
  • ob es vermittelt werden kann, dass Kulturaktivitäten über das Dorf oder den eigenen Verein hinaus gemeinsam mit anderen das Leben auf dem Land bereichern können.

Die 2019 begonnene wissenschaftliche Begleitstudie untersucht darüber hinaus,

  • in welcher Form sich die ambitionierten Ziele erreichen lassen,
  • welchen Herausforderungen das Projekt begegnet und
  • welche Handlungsempfehlungen und Übertragbarkeitskriterien sich aus den Projekterfahrungen für die kulturelle Praxis, die Kulturpolitik und die Regionalentwicklung ableiten lassen.

Kein so leichtes Unterfangen. Auch die gezielteste Umfrage könnte diese Forschungsfragen nur marginal beantworten, vor allem weil mit den Mitteln der Sprache gar nicht so leicht ausgedrückt werden kann, was im non-verbalen seine Wirkung entfaltet. Vieles galt es zu beobachten, zu hinterfragen, intensive Gespräche zu führen, mitzumachen, um dabei nicht nur das Projekt und seine Beteiligten, sondern auch die Lebenswelten, Einstellungen, Potenziale, Hoffnungen und Herausforderungen der Mitwirkenden und der Nicht-Mitwirkenden in ihren jeweiligen Lebenssituationen kennenzulernen. Eine abschließende Auswertung steht in den nächten beiden Monaten bevor.

Doch ohne Zweifel steht auch jetzt bereits fest: Die Heimatkarawane war eines der lebendigsten und „lernfreudigsten“ Kulturprojekte, die ich bislang in Forschung und Kulturpraxis erleben durfte. Die Heimatkarawane war kein reibungsfreies Unterfangen – und das war eines ihrer großen Potenziale. Sie hatte mit unvorhersehbaren Ereignissen unvorhersehbare Veränderungen zu bewältigen und erwies sich als Karawane der Vielfalt unglaublich kreativ und flexibel.

Ein Modellversuch der unzähligen Fragezeichen

Schauen wir noch einmal zurück auf das, was da geplant wurde und mit welchen Voraussetzungen. Die Texte am Anfang dieser Broschüre beschreiben dies ausführlich. Und hinter jedem der hier beschriebenen Bausteine steht nicht nur ein „So-ist-es-Punkt“, sondern gleichzeitig schwingen nicht nur beim Lesen der Projektbeschreibung von Anfang vielen Fragezeichen, vielleicht sogar ein wenig ungläubiges Kopfschütteln mit.

Nur sechs Aktionswochenenden in sechs ländlichen Gemeinden? Ein Team, dass nicht immer aus den gleichen Personen bestehen würde und sich durch seine große sprachliche, kulturelle und auch kulturprofessionelle Vielfalt auszeichnet? Urban geprägte Künstler*innen, Kulturpädagog*innen im Dazwischen, Landbewohner*innen mit breitenkultureller Expertise? Zugezogene, Heimatsuchende, Einheimische, Bürgermeister und Chorsängerinnen, Bäcker und Landfrauenvorsitzende, Kinder, Jugendliche und ältere Lebenserfahrene mit ebenso vielfältigen kulturellen und sprachlichen Heimaten,

Erwartungen, Hoffnungen, Erfahrungen und Interessen? Klar war von Anfang an, dass kein Wochenende dem anderen gleichen würde, dass jeder Prozess anders laufen würde und die

Ergebnisse eine ebenso breite Vielfalt aufweisen würden wie die Menschen, die an den Heimatkarawanen teilnahmen. Klar war von Anfang an auch, dass es – wie es sich für ein Projekt gehört – um ein Experiment mit unklarem Ausgang handeln würde. Erfreulich klar war auch, dass dies allen bewusst war und alle Beteiligten sich permanent interessiert daran zeigten, aus dem Erlebten zu lernen und die Methoden den Erfahrungen anzupassen.

Mal ehrlich, war das nicht ein bisschen zu viel gewollt? Und war da nicht ein bisschen zu wenig Zeit eingeplant? Ja, mal unter uns, ein bisschen blauäugig war das schon, oder? Als Dorfbewohner*in hätten Sie auf diese bunten Schmetterlinge aus der Stadt vielleicht nicht wirklich gewartet, oder? Vielleicht hätten Sie mit Ihrem Leben gerade auch genug zu tun gehabt und just an dem Wochenende hätte es gerade nicht gepasst? Was hätten Sie gedacht, wenn da so ein Projekt ins Dorf zieht mit professionellen Flyern und Fahnen ausgestattet, gleich mal beim Bürgermeister vorspricht und vollmundig einlädt „die Heimat zum Klingen zu bringen“? Vielleicht hätten Sie ähnlich reagiert wie eine der befragten Dorfbewohner*innen

Ha weusch, do hemmer net na welle. Mr hend denkt: ,Was hemmer mit dene zom doe, dene haufähtige Kindschdler1. […] Mr hend gnug Kultur do, und grad an dem Wocheend hemmer d‘ Probe mit d‘r Musikkapelle.‘ ,Ha, i go do net na‘, han ich gsagt, weusch…

Ja, tatsächlich, auch solche Aussprüche waren zu vernehmen bei Gesprächen im Ort. Aber, das sei hier an dieser Stelle verraten, es gab weitaus mehr positive Aussagen, die vom Erfolg, tiefem Berührtwerden und einer veränderten Haltung nach den kurzen, aber intensiven Prozessen an den Heimatkarawanenworkshops sprachen. Eine der bewegendsten Augenblicke war derjenige, als eine jungen Frau aus dem Nordirak mit Nachdruck darauf bestand, vor versammeltem Publikum ihre traumatische Fluchtgeschichte zu erzählen und ihr Lied dazu zu singen. Es war ihr Wunsch, gesehen und gehört zu werden, der etwas veränderte – bei Mitwirkenden und Publikum. Tief emotional bewegt war bei allen Anwesenden in diesem Moment aus einem der „Flüchtlingsmädle“ plötzlich eine junge Frau mit ihrer Geschichte geworden, der man nur mit Mitgefühl und großer Hochachtung begegnen konnte. Ein anderer vermeintlich sehr viel kleinerer

Erfolgsmoment sprach aus den Äußerungen einer sehr kritischen Teilnehmerin, die mit dem Blick auf das intensive Miteinander in den Workshopprozessen sagte:

Eigentlich glaub ich nicht, dass sich hier [im Ort] groß was ändert durch die Heimatkarawane, aber für mich, für mich persönlich, hat sich schon war verändert. Man grüßt sich jetzt, winkt sich zu. Vorher haben wir uns halt nicht so gekannt.

Wenn dieses Grüßen auch nur eine kleine Geste zu sein scheint, die es seit der Heimatkarawane nun gibt, so lässt sich daraus doch vielerlei ableiten. Und nein, es ist trotz kleiner Geste keine Kleinigkeit, wenn erreicht wurde, dass die unsichtbare selbstgezogene Grenze zwischen Einheimischen und Zugezogenen, zwischen vermeintlich unvereinbaren Lebenswelten erstmalig bewusst wahrgenommen wurde, es ist keine Kleinigkeit, dass sich dann durch die spielerischen Begegnungen und das gemeinsame kulturelle Handeln und Geschichten die Menschen als Nachbar*innen wahrgenommen haben, dass sich Neugier am Kennenlernen entwickelte und auf einmal Gemeinsamkeiten und Gefühle füreinander entstehen konnten. Die ersten Schritte, die ein gelingendes Miteinander vor Ort braucht, konnten entstehen. Mehr benötigt mehr Zeit. Aber genau dieser Anfang macht ein Projekt, wie die Heimatkarawane, vielleicht zum entscheidenden Impuls.

Doch nochmal auf Anfang. Was ließ sich beobachten? Bis zum Corona-Lockdown im April 2020 hatte die Heimatkarawane bereits an vier Orten zum partizipativen Kulturwochenende eingeladen. Trotz relativ ähnlicher Vorbereitung und Planung fanden letztlich sehr unterschiedliche Wochenenden statt, die sich sowohl von Teilnehmenden und Aktionsorten, entstandenen  Dynamiken und künstlerisch-kulturellen Schwerpunkten wie auch von den gemeinsam entwickelten Ergebnissen stark unterschieden. In Hayingen führte die Netzwerkarbeit der Projektleitung zur intensiven Beteiligung der Mitwirkenden der örtlichen Freilichtbühne und derjenigen einer inklusiv arbeitenden Theatergruppe. Einige Mitglieder der arabischen Community schlossen sich dem Projekt an. Ein emotional bewegendes Ergebnis mit vielen inter- und transkulturellen Aspekten begeisterte am Sonntag rund siebzig Zuschauende aller Generationen und diverser Herkunft. In Zwiefalten erschienen erneut Teilnehmende der Hayinger Karawanserei, darunter einige der Jugendlichen mit Fluchterfahrung und ihre Familien sowie einige wenige Ortsansässige, die ebenfalls eine Zuwanderungsgeschichte aufwiesen. Am dritten Wochenende in der Kleinstadt Riedlingen versammelten sich vor allem die kunstaffinen, urban geprägten Bildungsbürger*innen, Kunstschaffende und einige Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, die bereits in musische Gruppen eingebunden waren. Wenngleich diese Karawanserei eine besondere künstlerische Qualität des Ergebnisses erzielte, so stellte sich hier eine tiefergehende Auseinandersetzung über Veränderungspotenziale einer diverseren Gesellschaft weniger ein, vielmehr ging es darum, die bestehenden musisch-kulturellen Potenziale für das Miteinander vor Ort erlebbar zu machen. Drei Monate später folgte die Karawanserei in Hülben, einem Ort am Nordrand der Schwäbischen Alb. Angesichts der dürftigen Teilnehmendenzahl hätte diese Karawane als gescheitert gelten können. Und doch zeigte sich gerade in diesem pietistisch geprägten Ort, was die Grenzen, Potenziale und Veränderungsbedarfe des Projektes darstellen. Die ratlosen Mitglieder des interkulturellen Teams konnten in dieser Situation nicht mehr auf ihre bewährte Projektstrategie zurückgreifen und mussten sich einer gänzlich neuen Situation stellen. So gelang, vollkommen ungeplant, eine große Aufmerksamkeit für das, was die wenigen Teilnehmenden einbrachten, für das, was den Ort und seine Bewohner*innen ausmachte.

Wir haben hier gelernt, dass wir gar nicht die Gastgeber sein können – wir sind die Gäste2

Das Projektteam verließ den Status der Gastgeberin eines Projektangebots und machte sich in Hülben erstmals auf, als Gast das Dorf lernend zu entdecken und sich von den Hülbener*innen ihre „Heimat“ aus verschiedenen Blickrichtungen der Einheimischen  und Zugezogenen nahebringen zu lassen. So entstanden statt aktiver Workshopteilnahme echte Begegnungen auf Augenhöhe. Teilnehmende und Teammitglieder übernahmen gleichermaßen Verantwortung für die Gestaltung der Begegnung. Angeleitet von Frauen des Dorfes und dem syrischen Bäcker vor Ort fand sich die Karawanserei nach intensiven Gesprächen beim gemeinsamen Brotbacken im Backhaus wieder, wanderte ins Altenheim zum Heimatliedersingen, erprobte den Zusammenklang syrischer Rhythmen mit schwäbischen Gedichten und erfuhr vieles über das Ringen um den Erhalt von Traditionen und die Mühen des Ebnens neuer Wege.

Gerade in Hülben wurde deutlich, dass die Erreichung der weit gefassten Projektziele viel mehr Zeit, viel mehr Kennenlernen der Gegebenheiten und vor allem viel mehr Aufmerksamkeit als interessierter Gast in den Orten bedeuten. So einfach wie im Projektantrag formuliert, ist die inter- und transkulturelle Öffnung tatsächlich nicht. Mit diesen Erkenntnissen hätten die kommenden Wochenenden einen anderen Zuschnitt erfahren können. Doch Covid-19 erforderte ein Umdenken, gab den Impuls zum Digitalen und damit per se ortsübergreifenden Versuch der Begegnung. Die Karawansereien in Sigmaringendorf und Emerkingen wurden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. In der Zwischenzeit trafen sich Teilnehmende, Teammitglieder und weitere Interessierte zweimal wöchentlich, nun dorfübergreifend, zum gemeinsamen virtuellen Austausch über das, was Heimat heute bedeuten könnte. Die Angebote wurden relativ gut und regelmäßig angenommen, wenngleich sich hier nicht die Bandbreite der Teilnehmenden zeigte, die an den Karawansereien bisher teilgenommen hatten. Dafür konnten in diesem Format spielerisch die experimentellen Möglichkeiten erprobt werden. Es gab für den in dieser Zeit des Lockdowns für viele so schmerzlich vermissten Austausch – über die eigenen vier Wände, das eigene Dorf, ja selbst Länder- und Kontinentsgrenzen hinaus. So probierten in einer der digitalen Heimatkarawanen Musikexpertinnen aus Wohnzimmern in Teheran, Stuttgart und Dortmund, Theaterschaffende auf dem heimischen Sofa und andere Interessierte gemeinsam mit kreativen Bewohner*innen aus den beteiligten ländlichen Gemeinden, welche Möglichkeiten der kreativen Nutzung dieses Online-Format geben könnte. Mit der kleinen virtuellen Musiktheaterproduktion der Henne Berta entstand mit viel Humor und Freude ein wunderbares Experiment mit dem noch so unerforschten Werkzeug. Und nicht nur hier zeigte sich das Projekt als lernendes Modell, dass sich den Bedürfnissen der Mitwirkenden, aber auch den äußeren Rahmenbedingungen aufmerksam zuwandte.

Maskenspiel auf Abstand – die Heimatkarawane zieht weiter

Als im Sommer 2020 eine zaghafte Öffnung nach rückläufigen Infektionszahlen echte Begegnungen unter hohen Auflagen wieder möglich machte, gelang es dem Team schnell, ein neues Konzept zu entwickeln, dass den Hygienestandards Rechnung trug. Wenngleich auch nur als zweitägige Veranstaltung unter freiem Himmel ohne Publikum und ohne das verbindende gemeinsame Singen aller, fanden die Karawansereien in Sigmaringendorf und Emerkingen statt. Mit den Erfahrungen aus Hülben waren beide stärker als zuvor an den Geschichten der Mitwirkenden mit dem Ort orientiert, die Heimatkarawane kam vielmehr als „neugieriger Gast“ in den Ort. Und ja, die Erfordernisse der Hygienekonzepte trübten das Erlebnis trotz guter Planung und die erforderliche Zeit für die Austauschprozesse war eindeutig zu kurz. Aber auch hier stand jeweils am Ende ein gemeinsames Erlebnis, das von allen Beteiligten als sehr bereichernd wahrgenommen wurde.

Die Heimatkarawane zieht weiter, was bleibt?

Noch ist das, was bleibt, schwer zu fassen. Vielleicht hat die Heimatkarawane am meisten diejenigen bewegt, die in irgendeiner Form mitgewirkt haben. Zunächst ist es vielleicht ein persönliches Erleben der eigenen Gestaltungskraft, was am Ende für die eine oder den anderen steht. Ein Bewusstsein, dass die Vielfalt im Dorf und das eigene Engagement Potenziale sind, die mit recht einfachen Mitteln zu nutzen sind, um Freude am Miteinander auch in Zeiten anhaltender Veränderungen zu entwickeln.

Ich hab hier viel über mich erfahren und jetzt weiß ich, ich kann selber hier was machen. Mit anderen zusammen. Für andere auch. Irgendwie hab ich jetzt Mut und Lust bekommen, weiterzumachen. Wie weiß ich auch noch nicht. Mal sehen…

Gerade bei den letzten Begegnungen war zu spüren: der Bedarf an behutsamen Impuls- und Rahmensetzungen wie der Heimatkarawane ist gerade jetzt mehr denn je vorhanden. Die Wehmut am Ende der Wochenenden und die Hoffnung auf eine irgendwie geartete Fortsetzung ist groß. Immer wieder hörbar war aber auch die nicht unberechtigte Sorge, dass dieser kurze Impuls noch nicht ausreichen würde, das zarte Pflänzchen überlebensfähig zu machen. Weder die Teammitglieder selbst mögen die Heimatkarawane auflösen, noch wollten die Mitwirkenden in den sechs Orten die Hoffnung auf eine Fortführung der Heimatkarawane aufgeben. Zu sehr schweißte die abenteuerliche Expedition zusammen. Ja, jetzt wäre der Zeitpunkt gerade erst gekommen, an dem mit allen Lernerfahrungen das Projekt gereift in die zweite Runde gehen könnte. So wurde es in immer neuen Varianten betont, vertiefend dort, wo die Heimatkarawane bereits Halt machen durfte, erweitert durch neue Haltepunkte in der Region oder über die Region hinaus. Im digitalen Raum und im echten Leben. Oder anders gesagt:

Sodele Habibi, komm, mach mr weiter…

Wie es weitergehen könnte, darüber werden sich die Beteiligten aber auch die Kultur- und Regionalpolitik verständigen müssen. Fest steht: Das ländliche Miteinander benötigt mehr denn je Impulse zur Stärkung der Gestaltungskraft, um existierende und noch bevorstehende Transformationsprozesse gelingend bewältigen zu können.

1  Haufähtig = hochmütig, überheblich… Ach, Sie sind des Schwäbischen nicht mächtig? Oh, ja, das soll es geben. Dann wird es schwieriger im Dorfprojekt auf der schwäbischen Alb, aber ich übersetze gern sinngemäß: Weißt du, wir haben da nicht mitmachen wollen. Wir haben gedacht: ,Was haben wir mit denen zu tun, diesen überheblichen Künstlern. Wir haben hier genug Kultur und gerade an dem Wochenende haben wir eine Probe mit der Musikkapelle gehabt‘. ,Also ich geh da nicht hin‘, hab ich gesagt.

2 Im Gespräch mit einem der Projektleitenden der Heimatkarawane, Hülben 21.02.2020

Dr. Beate Kegler – Kulturwissenschaftlerin

Die Studie zur Evaluation der Heimatkarawane wird bis Dezember 2020 fertiggestellt und wird ab 2021 digital und als Printversion zur veröffentlicht werden.

Für weitere Informationen, Anregungen und einen weiterführenden Austausch steht Dr. Beate Kegler gern zur Verfügung (beatekegler@web.de).

Expert*innen:
Prof. em. Dr. Wolfgang Schneider, (Universität Hildesheim, Institut für Kulturpolitik),
Franziska Weber, (Referentin für Diversitätsentwicklung im Projekt 360°am Staatstheater Nürnberg),
Dr. Karin Bürkert, (Universität Tübingen, Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft),
Johannes Pfeffer, (Vorsitzender der Chorjungend im Schwäbischem Chorverband)
Moderation: Dr. Beate Kegler,
Protokoll: Friederike Bill