Riedlingen 29.11. - 01.12.2019

Erfahrungsbericht

Vorbereitung

Die Vorbereitung für die Karawanserei in Riedlingen war besonders erfolgreich aufgrund der bereits sehr guten Vernetzung der dortigen Kulturschaffenden. So war von Beginn an klar, dass wir in dieser kleinen Stadt mit einigen sehr professionellen und engagierten Künstler*innen arbeiten würden. Wie uns im Vorfeld berichtet wurde, sollte das in Eigeninitiative betriebene Lichtspielhaus, im Herzen Riedlingens gelegen, unser Wirkungszentrum werden, da es für das kulturelle Miteinander eine besonders große Rolle spielt. Darüber hinaus stellte uns die Stadt Riedlingen die Aula einer Schule, die Räume des Kaplaneihauses sowie einen weiteren Raum im Kapuzinerkloster zur Nutzung zur Verfügung. Es ist besonders der dortigen Koordinatorin, Gisela O’Grady-Pfeiffer zu verdanken, dass uns die Teilnehmerzahl mit 50 bis 60 Personen vorab bekannt war, mehr als zwei Drittel hatten sich über unsere Homepage selbst angemeldet. Sie hatte sich auch direkt nach den ersten Gesprächen im Sommer 2018 um einen ersten Zeitungsartikel und über ihren großen Verteiler sehr stark um die Bekanntmachung des Projektes gekümmert. Wie sie und auch Bürgermeister Markus Schafft immer wieder betonten, lebt die Stadt Riedlingen, regionales Schul- und Bildungszentrum, von der guten Zusammenarbeit der viele Initiativen und Einzelkünstler, deren eigene, reichhaltige Projekte sich um das ganze Jahr terminieren.        
Anders als in den beiden vorhergehenden Karawansereien hatten wir auf der Grundlage der Team-Erfahrungen festgelegt, dass der musikalische Leiter Bernhard König nun nicht mehr selbst als Musiker tätig werden, sondern gemeinsam mit der künstlerischen Leiterin Babette Ulmer vor allem die Vernetzung der entstehenden Workshopergebnisse  vorantreiben sollte. Gisela O’Grady-Pfeiffer hatte für jeden Raum ein eigenes Keyboard organisiert, sodass überall und zu jedem Zeitpunkt auch für eine Zusammenfassung kleinerer Workshopergebnisse flexibel reagiert werden konnte. Die Beschreibung Riedlingens als „Ort konstruktiver Streitkultur“ durch Bürgermeister Markus Schafft und Gisela O’Grady-Pfeiffer hatten Bernhard König zur Komposition eines „Riedlinger Lieds“ inspiriert, welches wie in Hayingen und Zwiefalten Teil des Gesamtprojektes werden sollte. Auch bereitete sich das Theaterteam mit Bühnenkampfelementen darauf vor, „Konflikt“ im weitesten Sinne auch theatral angehen zu können. Im Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass sich ein noch in der Vorbesprechung im Frühjahr 2019 abbildender gemeindlicher Grundkonflikt ins Positive aufgelöst hatte. Dennoch sollte das Motto sich auf eine sehr besondere und unerwartete Weise in der Riedlinger Karawanserei doch noch abbilden.   

Das Projektteam übernachtete im Bildungshaus Kloster Obermarchtal.

Der Begegnungsabend am 29.11.2019

Für den Begegnungsabend im Lichtspielhaus waren bereits im Vorfeld viele Darbietungen der Riedlinger Mitwirkenden bekannt. Viele weitere kamen am Abend dazu, sodass noch vor Eröffnung eine bunte, festgelegte Programmgestaltung möglich wurde, die das wache kulturelle Schaffen der Stadt gut widerspiegelte. 
Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Markus Schafft und Babette Ulmer, in welchem lautstark auch das Wiedersehen mit Beteiligten der Hayinger und Zwiefaltener Karawansereien beklatscht wurde, begannen wir mit einem gemeinsamen theaterpädagogischen Kennenlernspiel. Es folgten sehr abwechslungsreiche, teils professionelle Einlagen der Riedlinger Kulturwelt: vom Cellokonzert über Songs von Liedermachern, Gedichtvorträge und Lesungen, einem mitreißenden Theaterstück des Koffertheaters bis hin zu einem Kopfstand mit Mundharmonika. Auch präsentierte eine Teilnehmerin, die bereits in Hayingen und Zwiefalten dabei war, ein dort entstandenes Lied. Danach stiegen viele Instrumentalisten in eine spontane, bewegende interkulturelle musikalische Session ein. Das reichhaltige interkulturelle Buffet rundete die besondere Stimmung ab, die bereits an diesem Abend entstanden war. In Gesprächen mit Bürgermeister Markus Schafft und Gisela O’Grady-Pfeiffer war deutlich geworden, dass die „konstruktive Streitkultur“ derzeit eigentlich nicht mehr zu Riedlingen passe, da sie sich zu Gunsten großer gemeinsamer Ziele nicht mehr im Zentrum stehe. Aus diesem Grund wurde das „Riedlinger Lied“ an diesem Abend nur einmal gesungen und wich in den folgenden zwei Tagen den neuen entstehenden musikalischen und theatralen Ideen, die Riedlingen transkulturell und generationenübergreifend kennzeichnen sollten.      

Der erste Workshoptag (30.11.2019)

In der Riedlinger Karawanserei bildete das zentral gelegene Lichtspielhaus das Zentrum der Geschehnisse, in welchem alle immer wieder zusammentrafen. Durch die fußläufige Entfernung der weiteren Räumlichkeiten, die Aula der Schule, das Kaplaneihaus und das Kapuzinerkloster, war darüber hinaus die Aufteilung in drei sehr konzentrierte Workshops möglich. Nach der gemeinsamen Begrüßung und musikalischen und theaterpädagogischen Warm-up-Spielen platzierte sich in der Schulaula unter der Leitung von Alon Wallach der Workshop um die musikalischen Instrumentalisten. Ein sich bildender Chor verortete sich unter der Leitung des Sängers Mazen Mohsen im Raum des Kapuzinerklosters. Theater- und Akrobatikinteressierte kamen im Kaplaneihaus zusammen, wo sie gemeinsam mit Katinka Ulmer, Matias Urroz und Moujan Taher trainierten und improvisierten. Zum Essen und gemeinsamen Austausch traf man sich im Lichtspielhaus. Wie geplant besuchten Babette Ulmer und Bernhard König die Workshops zu unterschiedlichen Zeitpunkten und trugen so deren Stand und Ideen zusammen. Unabhängig von ihnen besuchte teilnehmend auch die Wissenschaftlerin Beate Kegler die Workshops und führte die Interviews für ihre Studien „ganz nebenbei“. Bereits am Abend des ersten Workshoptages zeigte sich eine grobe Konstruktion für die am darauffolgenden Tag geplante Performance.
Die Instrumentalisten entwarfen eine durchgehende, begleitende Theatermusik, die es möglich machte, flexibel unterschiedliche Gefühlslagen in der theatralen Darstellung zu interpretieren und zu illustrieren. Der Theaterworkshop inszenierte mit sehr viel Spaß eine große, generationsübergreifende Massenschlägerei, die ihren Ursprung daran hatte, dass Autofahrer*innen eine Spielstrasse nicht respektierten. „Bei uns wird das anders gelöst, nämlich mit Breakdance“, war die entstehende Message, die die erwachsenen Darsteller*innen dazu brachte, sich von den teilnehmenden Kindern in die notwendigen Techniken einführen zu lassen. Der Workshop der Sänger*innen kümmerte sich um den gegenseitigen Austausch von „Heimatliedern“, die im gegenseitigen Erzählen um die Frage, wie man eigentlich nach Riedlingen gekommen ist, hervorgebracht wurden. In der abendlichen Abschlussrunde präsentierten Bernhard König und Babette Ulmer den zusammenfassenden Vorschlag für den Programmablauf der Performance. In gemeinsamer Abstimmung legten wir dann den Probenablauf für den nächsten Morgen fest.     

Der zweite Workshoptag mit Performance (01.12.2019)

Anders als bei den beiden vorhergehenden Karawansereien war die Performance bereits auf 14.00 Uhr festgesetzt. Dies erforderte eine gute logistische Planung beim Zusammenfügen der unterschiedlichen Elemente Musik, Theater und chorische Inhalte. Nach der morgendlichen Begrüßung waren die Workshops noch auch ihre Räumlichkeiten verteilt. Die Theaterleute blieben direkt im Lichtspielhaus. Nach ca. einer Stunde kamen Chor und Instrumentalisten dazu, um einen ersten gemeinsamen Gesamtablauf zu proben und selbst die Ergebnisse ihrer Arbeit aufeinander abzustimmen. Zu sehen und zu hören war eine sehr gut ineinandergreifende und vielfältige Reflektion über das Leben in Riedlingen, bei welcher das Können der einzelnen mitwirkenden Persönlichkeiten deutlich zum Ausdruck kam. Zu diesem Zeitpunkt wurden auch workshopübergreifende sehr kleine, die Szenen verbindenden Einlagen eingefügt, die in gemeinsamen Gesprächen bei den Zusammentreffen im Lichtspielhaus spontan entstanden waren.     

Die Performance (01.12.2019, 14.00-15.00Uhr)

Die Riedlinger Performance begann mit einem sehr herzlichen Wiedersehen mit Hayinger und Zwiefaltener Mitwirkenden der vorhergehenden Karawansereien. So fiel es Babette Ulmer leicht, erneut das Ziel des Gesamtprojektes „Heimatkarawane- wie klingt das Land heute?“ für alle zu formulieren: „Hier entsteht eine inter- und transkulturelle Familie auf der Alb“.
Sehr leise, gefühlvoll von Klavier begleitet, folgte dann die erste Theaterszene, in welche eine Fremde einem Einheimischen begegnet. Im Anschluss daran, eingebettet in das vom Chor mehrstimmig und mehrsprachig dargebotene Lied „Die Gedanken sind frei“, sprach ein schwäbischer Bauer gemeinsam mit seinem, in traditioneller Tracht gekleideten mongolischen Freund über das, was sie unter „Heimat“ verstehen. Darin fand auch ein sehr leises mongolisches Lied seinen Platz. Der Chor begann seine Erzählungen „wie wir nach Riedlingen gekommen sind…“ und führte die Zuschauer*innen damit von Südostasien über Berlin bis nach Dresden. Allen kleinen, persönlichen Geschichten folgten solierte Lieder und integrierten die vorhandenen Instrumentalisten von der singenden Säge bis hin zum Beatboxen. Darüber hinaus hörten wir kolumbianische, iranische Lieder sowie bayrische Jodler, die sich teils mit dem in drei Parts geteilten Theaterstück verbanden. Besondere Spannung erhielt das Theaterstück vor allem aber durch den Einsatz der Instrumentalisten, welche dem Geschehen flexibel und sehr professionell folgten und den einzelnen Stimmungen ihren speziellen Charakter verliehen. Der Cliffhanger des ersten Teils ließ die Zuschauer*innen mit einer sehr bedrohlichen Situation zurück, in welchem Autofahrer*innen Auge in Auge gegen die Spielstraßenbefürworter skandierten. Die zweite Szene endete nach einer großen Schlägerei, als ein Junge erbost ausrief: „Hört auf Euch zu prügeln!“ der dritte Teil erklärte, wie die Sachlage zu klären sei: „Wir regeln das jetzt anders, nämlich mit Breakdance!“.  Daraufhin folgte ein von Beatboxern, Trommeln und Klatschen begleiteter Tanzbattle, der elegant zu einem Walzer überging. Von einem Jodler begleitet bauten die Darsteller*innen zum Schluss des Theaterstückes eine große menschliche Pyramide. Mit dem in mehreren Sprachen gesungenen Lied „kein schöner Land“ endete der offizielle Teil der Performance, sehr dicht gefolgt vom bereits in den beiden vorhergehenden Karawansereien zelebrierten, mitreißenden Lied „Kholam Koulo“, zu welchem Cindy Keil die „Heimatkarawanen-Fahne“ schwenkte und alle tanzten. Die Performance endete atemlos mit einem Aufruf zum Riedlinger Theatersommer 2020, einer Einladung zum abendlichen Adventssingen am gleichen Tag um 17.00Uhr sowie einer herzlichen Einladung für die folgenden Heimatkarawanen-Veranstaltungen in Hülben, Sigmaringendorf, Emerkingen und in Aichwald. Diesmal wurde der Sektempfang erst nach der Performance zelebriert.

Bewertung und Maßnahmen

Auch bei der Riedlinger Karawanserei wurden unsere gesetzten Ziele erreicht. Darüber hinaus konnten wir auch beobachten, wie stark sich die gute Vorbereitung und Abstimmung vor allem innerhalb des Heimatkarawanenteams auswirkte. Das Zusammenwirkung von professioneller Erfahrung, der flexiblen Rollenzuteilung und der gemeinsamen direkten Auswertung der durchgeführten Karawansereien versetzte uns in die Lage, auch den sehr professionellen Kulturschaffenden Riedlingens koordinierend so zur Seite zu stehen, dass diese Karawanserei für die Riedlinger etwas Neues, vorher nicht Dagewesenes und Bereicherndes darstellte.