Zwiefalten 22.11. - 24.11.2019

Erfahrungsbericht

Vorbereitung

Für die Zwiefaltener Karawanserei war im Vorfeld trotz mehrfacher Telefonate und Besuche vor Ort ungewiss, wer daran teilhaben würde. Aus diesem Grund hatte der musikalische Leiter Bernhard König in der Woche zuvor am 16.11.2019 in Zwiefalten das Konzert des Fanfarenvereins besucht. Bei dieser Veranstaltung wurde erneut deutlich, wie viele Termine die vielzähligen, örtlichen Musikvereine haben, sodass zur Teilnahme an der Karawanserei keine Zeit erübrigt werden konnte. Es gelang ihm jedoch, den Besuch bei einem Probentermin am Sonntag, den 24.11.2019 beim Musikverein Zwiefalten zu arrangieren, bei welchem es möglich wurde, mit den Bläser*innen Audioaufnahmen zu machen, welche dann in die Karawanserei eingeflochten werden konnten. Im Vorfeld konnte Bernhard König eine entsprechende Komposition vorbereiten, sodass das „Zwiefaltener Lied“ auch in körperlicher Abwesenheit durch die örtlichen Musikvereine hörbar mitgetragen wurde. Auch Lisanne McDowell hatte Zwiefalten am vorhergehenden Wochenende ein weiteres Mal besucht und konnte dadurch eine irakische Familie zur Mitwirkung gewinnen.     

Die Zwiefaltener Karawanserei fand im Kolpinghaus statt.

Das Heimatkarawanen-Team übernachtete von Freitag bis Sonntag im Gasthof Post direkt in Zwiefalten.

Der Begegnungsabend am 22.11.2019, 17.00-21.00Uhr

Der Begegnungsabend begann mit einer Begrüßung durch Bürgermeister Matthias Henne. Besonders schön war das Wiedersehen mit den Teilnehmer*innen, die bereits bei der Hayinger Karawanserei dabei waren, darunter die jungen Menschen mit Fluchthintergrund und viele ihrer Familienangehörigen, die in Zwiefalten wohnen. Außerdem war auch die Riedlinger Repräsentantin Gisela O‘Grady-Pfeiffer gekommen, die mit Spannung schon das dortige folgende Wochenende (30.11.-01.12.2019) erwartete. Gleichermaßen glücklich waren wir dann auch über Teilnehmer*innen aus Wohngruppen, welche dem ZfP Südwürttemberg angegliedert waren, sowie einigen Zwiefaltener Bürger*innen, die gekommen waren, weil sie Freude einfach daran hatten, mit anderen „einmal anders“ kreativ zu werden. Diejenigen, die bei der Hayinger Karawanserei dabei waren oder davon gehört hatten, hatten einige kleine Darbietungen vorbereitet, welche sie an diesem Begegnungsabend zeigten, darunter zum Beispiel die Rezitation von Goethes

„Zauberlehrling“, kleine Zaubereien oder einen Rap. Hieraus ergaben sich, neben vielen musik- und theaterpädagogischen Spielen auch eindrucksvolle gemeinsame multikulturelle musikalische Improvisationen, die alle Beteiligten sehr neugierig aufeinander machten. Auf diese Weise entstanden spontane kleine Darbietungen mit chilenischen, gambischen, jesidischen, kurdischen, arabischen, türkischen, schwäbischen und hessischen Einflüssen und allen möglichen Mischformen daraus. Den Kindern und Jugendlichen wurden dabei auch gerne Mikrofon und Schlagwerk für allerhand spielerische Experimente überlassen. Temperamentvolle gemeinsame Kreistänze zierten das bunte Geschehen, das beim gemeinsamen großen interkulturellen Buffet immer nur kurzzeitig unterbrochen wurde.
Auch das „Zwiefaltener Lied“ bekam an diesem Abend seine ersten skizzierten Klänge. Wie auch in Hayingen war es gelungen, die für den Erfolg für die kommenden zwei Tage notwendige vertrauensvolle und positive Atmosphäre aufzubauen.       

Der erste Workshoptag (23.11.2019)

Im Rahmen des Begegnungsfestes waren von den rund 30 Teilnehmer*innen schon einige Wünsche und Ideen geäußert worden, welche Elemente die Zwiefaltener Karawanserei beinhalten könnte, darunter ganze Songideen und Texte zum Thema „Heimat“. Nach gemeinsamen musik- und theaterpädagogischen Warm up-Spielen ergab sich eine Unterteilung in drei Workshopbereiche: Theater, Akrobatik/Jonglage und Musik im weitesten Sinne. Diese blieben zwar räumlich zunächst getrennt, dennoch in sich durchlässig, sodass jede*r nach eigener Fasson seinen Platz im Geschehen fand.
Anders als in Hayingen ergaben sich im entstehenden Programmablauf für die Performance bereits inhaltliche Bezüge, die beim gemeinsamen Zusammentreffen und Bewerten in die Gesamtkonstruktion zur öffentlichen Ergebnispräsentation Zwiefaltener Karawanserei von Beginn an einflossen. Wie Bürgermeister Henne es mit seiner Beschreibung des „Zwiefaltener Typischen“ vorhergesagt hatte, war es die „gute Gemeinschaft“, die sich in Begriffen wie „Heimat“, „Geborgenheit“, „Familie“ und „Freundschaft“, aber auch „Landschaft“ widerspiegelte. Dies fand sich sowohl in einem mitgebrachten Songtext eines Teilnehmers, der ihm einst beim langen Autofahren auf der Fahrt nach Hause eingefallen war, wieder, als auch beim ortsungebundenen entstehenden Liedtext anderer Teilnehmer*innen, der sich assoziativ und aus inneren Beweggründen „Heimat“ thematisierte. Bereits am ersten Workshoptag wurde die Idee einer gemeinsamen „Heimatkarawanen-Fahne“ aufgekommen, die, wie im Schwäbischen üblich, bei keiner öffentlichen Präsentation einer traditionellen Vereinigung fehlen durfte. Der Teilnehmer Mark Hanßen, selbst einst Fähnrich in einem traditionellen Verein und Urheber der Idee, erklärte sich bereit, sich um die Gestaltung der Fahne zu kümmern und diese dann auch bei der abschließenden Veranstaltung standesgemäß zu präsentieren. Es mag dem Erfolg und den Erfahrungen aller Beteiligten aus der ersten Karawanserei in Hayingen zurückzuführen sein, dass in Zwiefalten der inhaltliche Zusammenhang nicht durch eine biographische Liederwerkstatt hergestellt wurde, sondern sich nach und nach nicht nur rein intuitiv, sondern bewusst aus der Gemeinschaft ergab. Die entstehenden Theaterszenen griffen viele assoziierte Ideen aus Hayingen auf, führten sie aber thematisch schneller und konzentrierter zusammen. Insgesamt entstand schon am ersten Workshoptag der Eindruck, als seien die einzelnen „Puzzleteile“, die zusammengefügt werden wollen ein kleines Stück größer geworden. Der gemeinsame Abend klang mit freien Spielen und Jonglage aus.
Das Team beendete diesen Tag mit einer gemeinsamen Besprechung. Hervorzuheben ist hier die vorsichtige Intervention der Wissenschaftlerin Beate Kegler, die während des Geschehens Spannungen innerhalb des Teams beobachtet hatte. An diesem Abend konnte geklärt werden, dass die Methoden des Theaterteams oft anders als die des musikalischen Teams funktionierten.

Dies bezog sich beispielsweise auf unterschiedliche Geschwindigkeiten bei künstlerischen Entscheidungen oder eigener Rollenverständnisse in anleitenden Funktionen. Diese grundsätzliche Klärung führte beim ganzen Team sehr nachhaltig zu einer größeren Achtsamkeit im Umgang nicht nur mit den Teilnehmenden, sondern auch mit den Kolleg*innen innerhalb der Teams.            

Der zweite Workshoptag mit Performance (24.11.2019)

Der zweite Tag begann mit den Warm-up-Spielen und relativ gezielten Aufteilungen in die Workshops. Vormittags verließ der musikalische Leiter Bernhard König, begleitet vom Bundesfreiwilligen Phil McDowell für einige Stunden das Geschehen für den Besuch der Musikproben des Musikvereins Zwiefalten, um die geplanten Audioaufnahmen zu machen. In der Zwischenzeit wurden die Proben in größeren gemeinsamen Workshops fortgesetzt, um inhaltlich für die Performance „am roten Faden“ zu stricken. So wurden beispielsweise die Theaterszenen in drei Teile aufgeteilt, inhaltlich mit Akrobatik, Jonglage und Musik verwoben und die entstandenen multikulturellen Musikstücke in den Programmablauf sinnvoll eingepasst. Nach dem Schnitt der Audioaufnahmen konzentrierten wir uns auf das „Zwiefaltener Lied“, welches nun von Bernhard König fertig komponiert und von allen gemeinsam inszeniert werden konnte. Den ganzen Tag über fertigte die Teilnehmerin Verena Behringer an der Nähmaschine in Zusammenarbeit mit Mark Hanßen die neue Fahne der Heimatkarawane, deren Wimpel die insgesamt sieben Karawansereien symbolisiert. Nach dem Mittagessen gab es zum einen musikalische Einzelproben, zum anderen führten wir mit interessierten Teilnehmer*innen gefilmte und fotografierte Einzelinterviews zum Thema „Heimat“ und „Zwiefalten“. Alle gemeinsam bereiteten dann den Raum für die anstehende öffentliche Performance vor. 

Die Performance (24.11.2019, 17.00-18.15 Uhr)

Wie auch in Hayingen begann die gut besuchte Performance in Zwiefalten mit einem kleinen Sektempfang für die insgesamt ca. 45 Zuschauer*innen. Unter den Besucher*innen befand sich auch eine Delegation der katholischen Landfrauen, die sich zu anfangs sehr für eine Teilnahme an der Zwiefaltener Karawanserei interessiert hatten, dann aber aus Zeitgründen doch nicht hatten teilnehmen können. Außerdem freuten wir uns sehr über Besucher*innen, die an der Hayinger Karawanserei beteiligt waren. Bei der Begrüßung betonte die künstlerische Leiterin Babette Ulmer das eigentliche Gesamtziel der Heimatkarawane, nämlich der überregionalen nachhaltigen Vernetzung der Akteur*innen.
Im Vorfeld hatten wir beim Programmablauf darauf geachtet, dass die Vorstellung nicht länger als 60 Minuten dauern sollte. Dennoch waren genügend Lieder zum Mitsingen für die Zuschauer*innen vorbereitet. Sehr eindrucksvoll war hierbei das „Zwiefaltener Lied“ mit den Einblendungen der geschnitten Audioaufnahmen. Hier wurde die Schallkulisse, die in Hayingen als „Natur“ zum Ausdruck kam, vielsprachig als Marktsituation hörbar. Die drei inhaltlich verbundenen Theaterszenen begannen mit einem Nachdenken über zu Hause. Hier fielen Schlagworte wie „ich vermisse… Freunde, Familie“, „… wann denke ich an Heimat? Ich will keine Heimat…“, gefolgt in der zweiten Szene über „was sind wirkliche Freunde?“, „… Was kann man tun, um Freunde zu finden?“ und dem Aufdecken kultureller Unterschiede. „… wer ist hier verrückt?“. Das Thema „Verrückt sein“ führte schließlich in die dritte Szene, die in einem iranischen Sprichwort gipfelte: „Wenn Du jemanden zum Freund haben willst, der einen Elefanten besitzt, musst Du ein großes Haus bauen, damit der Elefant auch hineinpasst.“ Dies wurde in der Folge akrobatisch umgesetzt und die ganze Szenerie, begleitet von einem iranischen Lied, als großes Fest inszeniert, welches in einer mannshohen menschlichen Pyramide endete. Unterbrochen wurde das kleine Theaterstück immer wieder von schwäbischen Liedgeschichten, kurdischen Hochzeitsliedern oder einem deutsch gesungenen Rap für die im Irak zurückgebliebenen Freunde. Zum Schluss wurde, wieder anders klingend „Zwiefalten ist unsere Heimat“ gesungen, diesmal mit dem Rap „Zu Hause“. Wir beendeten den Abend mit der Einladung, auch am kommenden Wochenende in der Karawanserei Riedlingen mitzuwirken oder sich die Performance am 01.12.2019 um 14.00Uhr dort anzusehen, um weiter mitzuverfolgen, „wie das Land heute klingt“.  Die Termine für die Karawansereien in Hülben, Sigmaringendorf, Emerkingen und schließlich für die Abschlussveranstaltung in Aichwald (03.-05.07.2020) wurden ebenfalls bekannt gegeben.  

Bewertung und Maßnahmen

Auch für die Karawanserei in Zwiefalten können wir im Rückblick sagen, dass alle zu Anfang gestellten Fragen mit einem „Ja“ beantwortet werden können. Auch wenn wir anfangs Bedenken hatten, dass wir die reichhaltigen kulturellen Strukturen Zwiefaltens nicht erreichen könnten, so haben sich unsere Befürchtungen nicht bewahrheitet. Die von uns gesteckten Ziele, nämlich wesentliche Teile dieser örtlichen diversen Gesellschaft zu einem gemeinsamen kreativen Schaffen zusammenzubringen, wurden erreicht. Durch die scharfe und teilnehmende Beobachtung von Beate Kegler konnten wir aufkommende Spannungen innerhalb des Teams gut aufnehmen und bearbeiten, sodass für die zukünftigen Karawansereien mögliche methodische Unklarheiten ausgeräumt werden konnten. Damit verbleibt genügend Raum für die Bedürfnisse der Teilnehmenden, andererseits kann dadurch aber auch das künstlerische und pädagogische Gesamtkonzept aufrechterhalten und weiterentwickelt werden. Durch die mehrfache Teilnahme von Mitwirkenden zeichnete sich bereits zu diesem Zeitpunkt für alle Beteiligten eine besondere Gruppenidentität des Projektes „Heimatkarawane- wie klingt das Land heute?“ ab.